04.02.2011, 13:10 Uhr | t-online.de
Utz Claasen war vor Martin Kind für wenige Monate Präsident von Hannover 96. (Foto: dpa)
Das Interview führte Johannes Kaufmann
Utz Claassen investierte im Oktober 2010 einen nicht näher bekannten Millionenbetrag in den klammen spanischen Erstligisten RCD Mallorca. In einen deutschen Verein wollte er nicht investieren, obwohl er sich als Vorstandsvorsitzender der EnBW bereits einmal als Sponsor betätigte. Wenn sich am 8. und 9. Februar auf der SpoBis in Düsseldorf das Who is Who der Sportbusiness-Branche trifft, wird auch Claassen als einer der Hauptredner seine Sicht auf das Sportgeschäft darstellen. Bei FUSSBALL.DE stand er vorab bereits Rede und Antwort.
Teil 2: Utz Claasen: Kurztrip nach Mallorca, um Ronaldo zu sehen
Wo erwischen wir Sie gerade? In Hannover oder auf Mallorca?
Utz Claassen: Ich wohne weiter in Hannover, wo ich nun schon seit vielen Jahren lebe. Hannover ist eine sensationell schöne Stadt und hat mit Hannover 96 derzeit Fußball auf erstaunlich hohem Niveau. Da kann man sich nur freuen. Aber ich bin zu den Heimspielen und Verwaltungsratssitzungen des RCD natürlich jetzt auch regelmäßig auf Mallorca.
Sind Sie denn noch oft in Hannover im Stadion?
Zuletzt gegen Schalke, da lief es nicht so besonders. Wenn ich an Wochenenden hier bin, gehe ich fast immer ins Stadion. Seit ich bei RCD Mallorca investiert habe, habe ich aber auch noch kein Heimspiel des RCD verpasst.
Warum haben Sie in Mallorca und nicht in Deutschland investiert?
Weil der Verein gute Chancen und großes Potenzial hat und sich auch die Gelegenheit ergeben hat. Mallorca bietet mit zehn Millionen Touristen im Jahr und mit der ungewöhnlich guten Fluganbindung nach überall hin in Europa ein ganz besonderes Potenzial.
Wie kam der Kontakt zustande?
Ich hielt es nach einer Analyse für ein interessantes Investment. Es war meine Initiative, die von Vereinsseite von der ersten Sekunde an positiv aufgenommen wurde. Man hat sofort gesehen, dass es für den Klub eine zusätzliche Komponente ist, jemanden Internationales mit im Boot zu haben, gerade vor dem Hintergrund der jährlich rund vier Millionen Touristen aus Deutschland.
Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen der Primera Division und der Bundesliga?
Ein wesentlicher Unterschied ist das in Spanien im Durchschnitt noch höhere technische Niveau. Aber durch die WM 2006 und auch weitere Investitionen danach wie etwa in Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen hat Deutschland heute die mit Abstand modernste Stadion-Infrastruktur der Welt. Dadurch sind die Rahmenbedingungen der Bundesliga noch besser und die Stadien im Schnitt deutlich voller. Beim spielerischen Niveau liegt Spanien aber noch ganz vorn.
Woran machen Sie das fest?
Sehen Sie beispielsweise Borussia Dortmund: Bei aller ausdrücklichen Bewunderung für das, was dort in letzter Zeit geleistet worden ist, sind sie in der Europa League gegen Sevilla ausgeschieden. Die sind in Spanien nur im Mittelfeld. Und die letzte Begegnung der Bayern mit Jürgen Klinsmann in Barcelona haben wir auch noch alle in Erinnerung (0:4 Anm. der Redaktion). Da spielt sicherlich immer auch die Tagesform und das Glück eine Rolle, aber gänzlich zufällig sind solche Ergebnisse im Allgemeinen dennoch nicht.
Spielen in der Primera División die besseren Fußballer?
Sehen sie einmal Roy Makaay, der in seiner Zeit bei Bayern als einer der drei Topstars der Bundesliga galt und viele tolle Tore geschossen hat. Er kam von Deportivo La Coruña. In Spanien wäre vermutlich niemand auf die Idee gekommen, ihn als einen der Top-3-Spieler zu sehen. Oder aktuell Arjen Robben, der in Deutschland fast einen Ausnahmestatus hat. Er war bei Real Madrid einer unter vielen Top-Stars und manchmal nicht einmal gesetzt. Wenn man Spanien sieht mit Cristiano Ronaldo oder Kaka, Messi oder Xavi, Iniesta oder Forlan, dann ist das doch noch einmal eine ganz andere Dichte an Top-Stars.
Und die Nationalmannschaft?
Es ist doch kein Zufall, dass Spanien Weltmeister ist. Selten ist ein Land logischer Weltmeister geworden, als Spanien 2010. Das ist übrigens auch eine späte Genugtuung für Johan Cruyff. Viel von dem, was wir in Barcelona und auch in ganz Spanien heute sehen, ist auch ein Verdienst seiner Arbeit in den 90er Jahren. Heute ist die Primera División die Liga des Welt- und Europameisters, und das sieht man.
Und wo steht die Bundesliga, die Liga des Vize-Europa-Meisters und WM-Dritten?
Die Bundesliga ist die Liga der weltmeisterlichen Stadien und der weltmeisterlichen Begeisterung in den Stadien. Und sportlich natürlich auch eine der besten Ligen der Welt, derzeit vermutlich nach Spanien und England die drittbeste.
Wer sind denn aus Ihrer Sicht die positiven Gestalten der Bundesliga?
Hohen Respekt habe ich vor Uli Hoeneß, obwohl ich als Hannoveraner bekennender Nicht-Bayern-Fan bin. Aber die Menschen, die dort arbeiten – ganz besonders Hoeneß, aber auch Rummenigge, Hopfner und viele Jahre Franz Beckenbauer –, was die leisten ist einzigartig. Insofern bin ich ausdrücklich ein großer Fan derer, die beim FC Bayern Verantwortung tragen. Vom Niveau der Professionalität her ist Bayern München absolute Weltklasse.
Doch nochmals zu Uli Hoeneß: Wenn jemand von der "Arbeitnehmer-" auf die "Arbeitgeberseite" wechselt, also etwa vom Spieler zum Manager, dann hat er nicht selten Probleme, die Interessen des Vereins, des Vorstands, eben des Arbeitgebers zu vertreten. Er denkt naturgemäß noch sehr oft aus der Sicht eines Spielers. Es ist keinem so gelungen wie Hoeneß, einerseits die Spieler bestens zu verstehen, aber dabei andererseits immer Entscheidungen aus Vereinssicht zu treffen und mit Langzeitperspektive zu denken. Hoeneß ist für mich eine herausragende Figur im deutschen Fußball.
Gibt es weitere positive Beispiele aus Ihrer Sicht?
Ja, sicher. Auch beispielsweise in Hannover wird ein toller Job gemacht. Ich habe nach wie vor ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis zu Martin Kind. Was er dort in den letzten 13 Jahren aufgebaut hat, ist sensationell. Das freut mich selbst sehr, da ich in einer sehr schwierigen Phase des Vereins Verantwortung übernommen hatte. Der heutige Erfolg in Hannover ist kein Zufall, der ist systematisch und hart erarbeitet worden.
Warum sind Sie gegen die 50+1 Regelung in der Bundesliga?
Wie Herr Kind bin ich der Meinung, dass die Regelung allein schon einer rechtlichen Überprüfung nicht standhalten wird. Warum sollte die Abschaffung der 50+1-Regelung schlecht für die Vereine sein? Investitionen geschehen in hohen Dimensionen doch eher von Menschen oder Unternehmen, die auch eine angemessene Mitsprache im Verein haben können. Wer die Rechnung bezahlen soll, der muss schließlich auch bestellen können. Im Übrigen hat jeder Verein die Wahl. Niemand soll zu irgendetwas gezwungen werden. Und wo sind denn Klubs gegen die Wand gefahren worden? Doch in aller Regel nicht da, wo sich verantwortungsvolle Menschen mit ihrem eigenen Geld eingebracht und vernünftig gehaushaltet haben, sondern eher da, wo einzelne mit dem Geld Dritter und zu Lasten Dritter unüberschaubare Risiken eingegangen sind, um eigene Eitelkeiten zu befriedigen. Solches ist bei der Mehrzahl von verantwortungsvollen professionellen Investoren nicht der Fall.
Aber was ist mit ManU oder Liverpool. Werden die Vereine nicht gegen die Wand gefahren?
Außerhalb Deutschlands und Mallorcas sind das gerade die Vereine, für die ich mich seit Jahrzehnten am meisten begeistere. Bei diesen Vereinen kann ich die emotionale Sorge insofern gut nachvollziehen. Da ist die Situation offenbar sehr schwierig, das sehe ich ein. Aber seien wir mal ehrlich. Hat sich schon mal ein Chelsea-Fan über Herrnn Abramowitsch beschwert, weil er so viel Geld in den Verein investiert hat. Oder ein Manchester City-Fan über die Scheichs, die den Klub aus der Versenkung in die Champions League führen wollen?
Warum sind dazu Investoren so wichtig?
Die Gehaltssituation hat Dimensionen angenommen, dass es international ohne einen Roman Abramowitsch oder auch den ein oder anderen Scheich, oder in Deutschland z.B. ohne einen Dietmar Hopp oder auch Konzerne wie Volkswagen oder Bayer in dieser Form mitunter gar nicht mehr geht. Wenn wir das rückgängig machen wollten, dann müssten wir entweder akzeptieren, dass man als Verein nicht mehr auf dem allerhöchsten Niveau mitspielen kann, oder es müsste Maßnahmen geben, weltweit die Spielergehälter langfristig sinken zu lassen. Das wird aber schwierig sein.
Übrigens: Auch da hat Uli Hoeneß immer Augenmaß bewiesen. Denn Bayern hat – vielleicht außer dem Fall Ribéry – immer wieder der Versuchung widerstanden, finanzielle Abenteuer einzugehen oder bestimmte Dimensionen zu überschreiten. Hoeneß verfolgt offenbar eine Philosophie, die besagt: Es ist gut als Standardziel das Champions League-Viertelfinale zu haben, und wenn wir mehr erreichen, ist es eine schöne Zugabe, aber wir sind nicht bereit, ein unangemessenes finanzielles Risiko einzugehen, um Halbfinale, Finale oder den Sieg in der Champions League zu erzwingen. Das ist höchst vernünftig und höchst honorabel.
Teil 2: Utz Claasen: Kurztrip nach Mallorca, um Ronaldo zu sehen
Quelle: t-online.de
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