27.07.2011, 11:01 Uhr
Stale Solbakken hat auch Podolski klar gemacht, wer der Chef ist. (Foto: imago)
von Marc L. Merten
Die Kölner Fußball-Welt ist arg ins Wanken geraten, seit Lukas Podolski nicht mehr Kapitän des 1. FC Köln ist. Die Fans trauern um ihren "Kapitän der Herzen". Der Boulevard stellt die Urteilskraft von Neu-Trainer Stale Solbakken in Frage. Und Sportdirektor Volker Finke gilt nicht mehr nur als Königs-, sondern nun auch als Prinzenmörder - nach Frank Schaefer habe er nun auch Prinz Poldi auf dem Gewissen. Doch am Ende handelt der FC nur konsequent - das erste Mal seit Jahren.
"Der Kapitän muss unser Gesamtkonzept verkörpern." Dieser eigentlich harmlose, weil selbstverständliche Satz von Solbakken nennt in seiner Einfachheit alle Gründe, warum gerade Podolski gänzlich ungeeignet ist, die Kapitänsbinde weiter tragen zu dürfen. Denn er entspricht als Persönlichkeit allem, nur nicht dem, was sich Finke und Solbakken für die Zukunft bei den Geißböcken wünschen. Sportdirektor und Trainer haben andere Pläne. Sie wollen den FC zukunftsfähig machen. Und das bedeutet auch, sich gegen eingefahrene Denkweisen zur Wehr zu setzen.
Seit Finke die operative Leitung in Köln übernommen hat, hat er den Verein auf den Kopf gestellt, umstrukturiert, die Kosten gesenkt und Personen ausgetauscht. Rücksicht auf Namen hat er dabei nicht genommen und selbst vor FC-Idolen wie Thomas Häßler und Matthias Scherz nicht Halt gemacht. Seit der 63-Jährige im Amt ist, weht ein anderer Wind am Geißbockheim. Selbst der sonst so redselige Präsident Wolfgang Overath findet in der Öffentlichkeit kaum mehr statt.
Der Konzeptionist Finke kämpft um neue Strukturen. Und will deswegen auch einer Kölner Tradition den Garaus machen: dem Personenkult. Darin war und ist Köln unschlagbar. Und unschlagbar erfolglos. "Köln muss sich eines abgewöhnen: Dass ein Mann die Dinge macht. Das haben sie dreimal versucht", sagt Finke. Als Overath Präsident geworden sei, habe man gedacht, "jetzt kommt man in die Champions League". Noch größer waren die Erwartungen, als "Messias" Christoph Daum zurückkehrte. Der Dritte im Bunde heißt Lukas Podolski. Und der ist nun längste Zeit Kapitän gewesen.
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Finkes Ideal sieht anders aus. "Fußball geht nur im Team. Fußball ist konzeptionell und nicht nur eine Person", sind seine Lieblingssätze dieser Tage. Jeder müsse "seine Rolle im Verein einfach gut ausfüllen. Das ist eine Summe von Menschen, die an so einem Ding arbeiten - und nicht einer."
Dennoch ist es Finke wichtig zu betonen, dass nur ein Mann alleine tatsächlich über den neuen Kapitän entschieden hat. Der heißt Solbakken. Und wer den großgewachsenen, charismatischen Norweger mit der markanten Glatze beobachtet, kann sich schwer vorstellen, dass er sich in die endgültige Entscheidung um das Kapitänsamt von irgendwem hat reinreden lassen. Solbakken wirkt bestimmt, und obwohl er bislang immer wieder mit seinem verschmitzten Lächeln für einen lockeren Spruch gut war, lässt er keinen Zweifel aufkommen, wer in allen sportlichen Entscheidungen bei den Profis das Sagen hat.
Der 43-Jährige ist sich seiner Sache sicher. So sicher, dass er sogar den Kölner Medien den Kampf angesagt hat. "Ich weiß, dass die Presse hier sehr stark ist, aber Ihr hattet hier zu viel Power in den letzten zehn, fünfzehn Jahren", diktierte der Trainer ausgerechnet den Medienvertretern in ihre Mikrofone, die Podolski in den letzten Wochen hofiert und gestützt hatten. Solbakken hat verinnerlicht, was Finke von ihm erwartet. Er soll alte Gewohnheiten durchbrechen und den seit Jahren zerstrittenen Kader wieder zusammenführen. Deswegen war die Kapitänsfrage für ihn auch "eine Entscheidung für die gesamte Mannschaft".
Und nicht nur für einen Spieler, für den die Binde ein Extra an Motivation bedeutet hätte. Denn die bräuchte Podolski nicht, wenn er seinem Trainer in den vergangenen Wochen genau zugehört hätte. Denn was will ein Spieler mehr, als vom Trainer als "Matchwinner" und "wichtigster Spieler in der Offensive" bezeichnet zu werden? Was muss ein Trainer noch tun, als das Spielsystem so auszurichten, dass Podolski "in der richtigen Position den Ball bekommt, damit er seine gefährlichste Waffe am effektivsten einsetzen" kann?
Podolski muss entscheiden, ob ihm das reicht oder ob der sensible Stürmer die Herabstufung vom Kapitän zum normalen Spieler als Majestätsbeleidung empfindet. Sollte er zu letzterem Schluss kommen, könnte sogar die wilde Spekulation der "Bild" doch noch zutreffen, dass aus Freundeskreisen des Prinzen bereits erste Wechselgedanken entsprießen. Doch der 26-Jährige wird bei keinem Verein der Welt je den Stellenwert erreichen, den er in Köln hat. Mit oder ohne Binde - und obwohl Finke im Sinne eines neuen FC dem Personenkult den Kampf angesagt hat.
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Quelle: t-online.de
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