07.04.2011, 21:52 Uhr
Die Fans des FC Bayern München machen ihrem Unmut Luft. (Foto: imago)
Eine Kolumne von Jonny Giovanni
"No sports", lautet ein berühmter Ausspruch des Politikers Winston Churchill. "No politics", wünschen sich immer wieder die Sportler. Aber das ist nicht so leicht, wie es umgekehrt für den britischen Premierminister war, jede körperliche Ertüchtigung zu meiden. Denn vieles ist politisch. Sogar die Fußball-Fans.
Philipp Lahm beklagt das. Es sei "irritierend, wenn Fans im Stadion Politik machen", sagt er. Der Kapitän des FC Bayern meint damit jedoch nicht rechtsradikale Tendenzen oder den Libyen-Krieg, er meint: Vereinspolitik. Konkret stört sich Lahm, und mit ihm die gesammelte Fußball-Prominenz, an den jüngsten Ausfällen der Bayern-Kurve gegen Manuel Neuer, den TSV 1860 und Klubchef Uli Hoeneß. "Buhrufe und Pfiffe stehen den Fans zu", sagt Lahm, "aber Politik gehört nicht ins Stadion." An dieser Stelle kann nun allerdings der Zuhörer ein bisschen irritiert sein: Wo hört der Buhruf auf und wo fängt die Politik an? Was ist der Unterschied zwischen Pfiffen und einem Transparent? Aber vor allem: Gibt sich die Bundesliga sonst nicht gern so basisdemokratisch? Hören wir sonst nicht oft, was für ein Segen es sei, dass bei unseren Vereinen nicht globale Kapitalisten (wie in England) oder selbstherrliche Gutsherren (wie in Italien) das Sagen haben, sondern Fans und Mitglieder einbezogen werden?
Wenn es im Fußball darum geht, dem Volk nach dem Maul zu schauen, sind bei uns alle schnell dabei. Die Kanzlerin, die Bastian Schweinsteiger in den letzten Jahren wahrscheinlich öfter getroffen hat als so manchen ihrer Minister. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, die absurde Millioneninvestitionen in Fußballspiele zum Dienst an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erklären. Die Klubmanager, die schwaches Abschneiden im internationalen Vergleich reflexartig mit Faninteressen wie billigen Eintrittskarten begründen. Die Spieler, die nach jedem Schlusspfiff vor der Kurve irgendwelche albernen Tänze und Megaphoneinlagen aufführen.
In anderen Ländern achten die Handelnden im Fußball auf mehr Distanz gegenüber den Anhängern. Der kollektive Gang in die Kurve etwa, samt Verneigung, Grashüpfen und Smalltalk am Zaun, ist eine deutsche Erfindung, die allenfalls noch in manchen Nachbarländern geteilt wird. In England oder Spanien gehen die Spieler nach Abpfiff – in die Kabine. Dafür brauchen sie sich auch nicht mit Busblockaden oder ähnlichem herumschlagen. Auch die sind eine deutsche Erfindung. Denn nur wo die Kurve symbolisch zum Souverän erhöht wird, kann sie sich auch als solcher fühlen – und Spieler wie Funktionäre die Schattenseiten ihrer Macht spüren lassen.
Vor diesem Hintergrund bekommt es der deutsche Fußball dieser Tage mit Geistern zu tun, die er selbst gerufen hat. Der Fall Uli Hoeneß dient dabei als gutes Beispiel. Hoeneß ist ein Meister der polemischen Zuspitzung, einer, der es zur Folklore erhoben hat, mit Verunglimpfung von Rivalen oder rhetorisch vernebelter Ignoranz dem Stammtisch zu schmeicheln. Je lauter man plärrt, je mehr man vereinfacht, desto eher wird man gehört, so die Devise. Nach ähnlicher Logik wird ihm nun besonders drastisch aus der Kurve mitgeteilt, dass seine Politik in Sachen 1860 und Neuer dort nicht geteilt wird.
Denn das ist ja der Kern der Sache, das, was wirklich irritiert – die Gewalt in der Sprache der Ultras. Worte wie "abschlachten", "Tod" und "Hass" gegenüber 1860 oder "Lügner" über Hoeneß, die jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen. Hoeneß selbst hat gesagt, dass er wegen seinem Vorgehen in Sachen Neuer und 1860 eine "Reaktion von gewissen Leuten" erwartet habe, die Form ihn jedoch schockierte. Feine Ironie ist in der Tat etwas anderes und das rhetorische Talent des Präsidenten findet in der Kurve auch keine Entsprechung. Inhaltlich taugen die Vorwürfe der Fans jedoch kaum zum Skandal. Es gehört zur Rivalität unter Stadtrivalen, dass man sich gegenseitig nur das Schlechteste wünscht. Es ist verständlich, dass Anhänger lieber einen Torwart aus der eigenen Jugend in ihrem Kasten sehen wollen als einen Zugereisten. Und wenn Bundesliga-Heimspiele keine kommunistischen Parteitage sein sollen, muss es in Ordnung sein, diese Meinungen auch im Stadion zu artikulieren.
Zumal es ja immer auch andere Meinungen gibt. Gegen die Hoeneß-Kritiker haben sich auf "Facebook" zahlreiche Befürworter gesammelt. Wie schon vor einigen Wochen auf Schalke in der Frage Felix Magath zeigen sich die Bayern-Fans etwa beim Thema Manuel Neuer gespalten. Das ist nichts Schlechtes, sondern Zeichen einer Fankultur, die im Zeitalter des Internets immer basisdemokratischer funktioniert. Wer es wirklich ernst meint mit seinen Bekenntnissen zur Volksnähe, sollte damit gut leben können.
Quelle: t-online.de
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