04.02.2011, 13:10 Uhr | t-online.de
Cristiano Ronaldo (re.) im Duell mit José Nunes vom Claasen-Klub RCD Mallorca. (Foto: imago)
Utz Claassen investierte im Oktober 2010 einen nicht näher bekannten Millionenbetrag in den klammen spanischen Erstligisten RCD Mallorca. In einen deutschen Verein wollte er nicht investieren, obwohl er sich als Vorstandsvorsitzender der EnBW bereits einmal als Sponsor betätigte. Wenn sich am 8. und 9. Februar auf der SpoBis in Düsseldorf das "Who is Who" der Sportbusiness-Branche trifft, wird auch Claassen als einer der Hauptredner seine Sicht auf das Sportgeschäft darstellen. Bei FUSSBALL.DE stand er vorab bereits Rede und Antwort.
Teil 1: Utz Claasen: Darum bewundere ich Uli Hoeneß
Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrer früheren Arbeit in Hannover und jetzt in Mallorca?
Nein. Aber zwischen den beiden Vereinen: Beide spielen traditionell in schwarzen Hosen und roten Hemden; beide sind nunmehr seit rund zehn Jahren in der jeweils höchsten Spielklasse wahrlich etabliert; beide haben in ihrer Geschichte einzelne große Erfolge erzielen können, allerdings jeweils mit begrenzter Nachhaltigkeit; beide spielen in einer Stadt zwischen 400.000 und 550.000 Einwohnern, in einer Region mit 800.000 bis 1 Million Menschen; beide genießen in ihrem Umfeld hohe mediale Aufmerksamkeit; beide haben sportlich und als Marke großes Potenzial.
Welche Unterschiede gibt es?
Bei Hannover waren vor 14 Jahren die Strukturen ungeordnet, es gab viele Emotionen, die auch in Mitgliederversammlungen getragen wurden. In Mallorca gibt es eine klare Eigentümerstruktur, es gibt als Entscheidungsorgan den Consejo de Administración, eine Art Kombination aus Vorstand und Aufsichtsrat, in dem auch die wichtigsten Aktionäre persönlich vertreten sind. Die Entscheidungsfindung ist damit stringenter und professioneller, die gesamte Arbeit bei RCD ist heute viel professioneller, als damals in Hannover. Es ist eben doch ein Unterschied, ehrenamtlicher Vorsitzender eines Amateurvereins zu sein, oder Aktionär und Verwaltungsratsmitglied eines Profivereins. Auch die heutige Situation in Hannover ist mit der damaligen nicht mehr ansatzweise zu vergleichen.
Als EnBW Sponsor des KSC war, mischten Sie sich 2005 in sportliche Belange ein und forcierten angeblich die Entlassung von Trainer Reinold Fanz. Bei Mallorca sind Sie Aktionär, wie sieht dort Ihr Einfluss auf das Sportliche aus?
Ich habe mich beim KSC als Vorstandsvorsitzender des Haupotsponsors nicht in personelle Entscheidungen im sportlichen Bereich eingemischt. Herr Fanz hatte öffentlich in einer Zeitung wahrheitswidrig über mich gesagt, ich hätte damals bei Hannover 96 alle belogen. Dafür musste er seinerzeit vor dem Oberlandesgericht Celle ein Unterlassungsversprechen abgeben, ich bin also mit Erfolg juristisch gegen ihn vorgegangen. Was würde im Übrigen wohl passieren, wenn Steve McClaren in Wolfsburg über Martin Winterkorn, den Vorstandschef des Hauptsponsors Volkswagen, sagen würde, der hätte alle belogen. Oder wenn Louis van Gaal in München über den Chef des Sponsors Telekom, Rene Obermann, behaupten würde, dass er alle belogen hätte? Es ist ja nicht nur eine juristische Frage, sondern es ist auch eine Frage des Anstands und des guten Benehmens, dass man sich so nicht verhält. Und McClaren oder van Gaal würden so einen Unsinn niemals von sich geben. In Karlsruhe war es im Übrigen gar nicht notwendig einzugreifen, denn als die Verantwortlichen von diesen Vorfällen erfahren hatten, wussten sie selbst, was zu tun war.
Aber wie sieht ihr Einfluss bei RCD Mallorca aus?
Beim RCD gibt es, wie schon gesagt, ein klar definiertes Entscheidungsgremium. In dem sitze ich als einer von sieben und habe Stimmrecht. Aber ich sehe meine Aufgabe gar nicht darin, ins Sportliche einzugreifen. Denn wir haben mit Llorenc Serra Ferrer (Anm. d. Red.: ehemaliger Trainer von u.a. Barcelona, Sevilla, Athen und Mallorca) einen außerordentlich kompetenten Sportdirektor, der auch zugleich Großaktionär ist.
Wo liegt denn ihre Aufgabe bei RCD?
Ich habe als Mitglied des Consejo keine angegrenzte „Aufgabe“. Ich kümmere mich aber schwerpunktmäßig um die Themen Markt-Entwicklung und Marken-Entwicklung, also etwa um Internationalisierung, Merchandising, Sponsoring und ähnliches mehr. Das betrifft vor allem auch Europa, und da besonders die Länder, aus denen viele Touristen nach Mallorca kommen. Ich habe einen Plan von 126 Maßnahmen entwickelt, die wir zweimal im Verwaltungsrat und dann auch in einer fast ganztägigen Sitzung mit dem Marketing-Team des Klubs im Detail besprochen und einhellig vereinbart haben und die es nun stringent und diszipliniert umzusetzen gilt. Das Team ist dabei hoch motiviert und äußerst engagiert.
Finanziell stand der Verein nicht gut dar. Was tun sie dagegen?
Es gibt Vereine, die heute besser dastehen, das ist richtig. Aber ich bin davon überzeugt, dass RCD Mallorca nach Real Madrid und dem FC Barcelona in der spanischen Liga die drittbesten Voraussetzungen hat. Wenn wir die nutzen und ausschöpfen, muss es langfristig auch möglich sein, dritte Kraft in Spanien zu werden. Wenn man sich ein solches Ziel nicht setzt, erreicht man es auch nicht.
Bis wann soll das erreichbar sein?
Zeitlich will ich das nicht terminieren, es hängt schließlich wesentlich von den sportlichen Erfolgen ab, und die kann man nicht erzwingen. Wir können lediglich die Voraussetzungen dafür schaffen. Deshalb werde ich mich zeitlich nicht festlegen. Aber ich bleibe auch drei Monate nach meiner Investition bei der Einschätzung, dass Mallorca dritte Kraft in Spanien werden kann. Ich schätze die Chancen heute sogar noch größer ein als damals. Aber es gibt auch sehr viel zu tun.
Wie viele Zuschauer kommen denn zu den Heimspielen?
Gegen Madrid und Barcelona ist das Stadion natürlich voll, bei den anderen Spielen liegt der Schnitt bei vielleicht 14.000 Zuschauern.
Wie wollen Sie die Zuschauerzahlen verbessern?
Es gibt deshalb drei Ansätze, die Zahl zu erhöhen: 1. Der RCD soll Klub der ganzen Insel und nicht nur der Stadt Palma werden. Hier gibt es schon viele Aktivitäten, um die Präsenz des Klubs auf der Insel zu erhöhen. Übrigens auch unter deutschen, britischen und südamerikanischen Fans. 2. Wir wollen von den zehn Millionen Touristen einschließlich der vier Millionen Deutschen, die jedes Jahr auf die Insel kommen, viel mehr für den RCD begeistern. Wenn nur 1,5 – 2 Prozent der Touristen pro Jahr nur einmal ins Stadion kämen, wäre jedes Spiel hier ausverkauft. 3. Zu Top-Spielen gibt es sicher Fans, die einen Ronaldo, einen Kaka, einen Messi oder andere sehen wollen und sich in Deutschland in einen Flieger setzen würden, um ein Wochenende auf Mallorca mit dem Besuch eines Spiels zu verbinden. Der wichtigste Bereich ist sicher der touristische. Die Menschen, die ohnehin schon da sind, für den Club zu interessieren und zu begeistern.
Und was ist mit der Markenbildung im Ausland? Warum sollte ein Tourist ein Trikot von RCD kaufen?
Weil es ihn an einen schönen Urlaub erinnert und weil er damit hoffentlich in eine Zukunftsmarke 'investiert'.
Und wo muss RCD am Ende der Saison stehen?
Ein Platz im gesicherten Mittelfeld ist Pflicht, alles darüber wäre die Kür. Unser Projekt ist erst einmal auf fünf Jahre angelegt. Für diesen Zeitraum bin ich sehr optimistisch.
Teil 1: Utz Claasen: Darum bewundere ich Uli Hoeneß
Quelle: t-online.de
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